Sedlak Rissland Architekten

Camera Silenta

Beschreibung:
Realisierungswettbewerb 2009 - Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle
Standort:
Frankfurt
Zeitraum:
2009

Erinnern bedeutet, das Vergessene wieder ins Bewusstsein zu rücken und somit emotional  gegenwärtig zu machen.


Idee

Erinnerungen enthalten bildhafte Elemente, Szenen, Geräusche, Klangfarben, oft auch Gerüche, vor allem aber Gefühle.

Bei unserem Entwurfsansatz geht es um das emotionale Zusammenspiel von architektonischem Raum, akustischer Irritation und dem Ort der Erinnerung. Wir versuchen, den Bereich räumlicher Wahrnehmung als akustischen Gestaltungsraum zu nutzen und damit Erinnerungen und Gefühle zu evozieren.

“Camera Silenta“ (zu dt.schalltoter Raum) ist ein akustisch wirksamer Erinnerungsraum, welcher über den ehemaligen Gleisen unter der Eisenbahnbrücke gen Osten ausgerichtet wird.

“Camera Silenta“ markiert die topographischen Spuren, den Anfang des Weges, auf dem die etwa 10.000 Frankfurter Juden in die Konzentrationslager deportiert wurden.


Konstruktion + Material

Der akustische Tunnel besteht aus einer zweischaligen Stahlblechkonstruktion. Die Stahlteile könnten zu einem Großteil durch Recycling (Einschmelzen) alter Schienen- und Metallteile des Geländes geformt werden. Die äußere Schale besteht aus roh belassenem Stahlblech, welches zum Schutz mit Lanolinum (Wollwachs) oder transparenten Semi-Hard Coatings beschichtet wird. Die inneren Stahlflächen werden aus Blechkassetten gefügt. Die Blechkassetten werden durch etwa 10.000 dreiecksförmige Lochungen strukturiert, welche mit Metallgewebe hinterlegt sind (vandalensicherer Schutz des Dämpfungsmaterials).

Im Hohlraum hinter den Lochungen befindet sich ein Akustikvlies und ein Dämpfungsmaterial aus hochwertiger Polyesterfaser. Die inneren Tunnelwände werden dadurch zu Hochleistungsabsorbern (Breitband-Kompakt-Absorber). Es entsteht ein reflexionsarmer Raum (RAR), der Schall wird weitestgehend absorbiert, die Nachhallzeit wird reduziert.

Eine indirekte Beleuchtung für den Innenraum ist in der Hohlraumebene angedacht.


Wirkung

Nicht nur auratisch aufgeladene Relikte prägen einen Gedächtnisort, sondern konkrete Stimmungen und Gefühle sollen bei nachfolgenden Generationen für Irritation, Betroffenheit, Nachhaltigkeit und der Frage nach dem Warum führen. Grundprinzip der “Camera Silenta“ ist folgendes:

 

Die Nachhallzeit in der Ton-Raum Architektur wird radikal reduziert, dadurch setzt sich der Raum von seiner Umgebung durch eine stark trocken wirkende Akustik ab. Es entsteht ein psychoakustischer Raum, eine Art Metaebene. Beim Betreten verspürt der Besucher eine Irritation.

Die inselartig veränderte Akustik markiert den Ort und symbolisiert gleichzeitig das Leid und die menschlichen Schicksale, die mit ihm verbunden sind.“Camera Silenta“ nimmt den Verlauf der alten Schienen auf und ist deshalb andauernde Spur ihrer Existenz.

Das Muster aus dreieckigen Lochungen im Inneren besitzt neben der akustischen Funktion auch eine narrative Symbolik. Jedes Loch (Leere) steht für einen deportierten Frankfurter Juden.

 

Funktion

Der Passant wird durch den akustischen Raum dazu aufgefordert, mit dem Ort in einen Dialog zu treten und mehr über ihn zu erfahren. Die “Camera Silenta“ (emotionaler “Erinnerungsraum“) wird deshalb durch einen “Projektionsraum“ mit “Orientierungsebene“ergänzt.

Der Projektionsraum befindet sich im Erdgeschoss des ehemaligen Stellwerkes. Für Gruppenveranstaltungen kann das Stellwerk betreten werden, ansonsten bleibt das Stellwerk verschlossen.

Die alten Fensteröffnungen werden wieder hergestellt. Mit Informationstexten auf den Fenstergläsern wird dem Interessierten ein kurzer Überblick über die Geschichte des Ortes und die historischen Vorgänge vermittelt (“Orientierungsebene“).

Über diese Fensteröffnungen in Augenhöhe kann der Passant aber auch von außen in den Erdgeschossraum des Stellwerkes hineinblicken. In diesem “Projektionsraum“ findet er eine Videoprojektion der nicht zugänglichen Kellerräume in der Großmarkthalle als live-Übertragung. Eine künstlerische Metapher, ein Bild eines heute leeren Raumes, entrückt und dennoch existent, ein Stück deutsch-jüdischer Vergangenheit und menschlicher Schicksale, gleichzeitig ein Appell an die Vernunft …