Sedlak Rissland Architekten

Altenwohn- und Pflegeheim

Beschreibung:
Realisierungswettbewerb 2015 - 1. Preis, zusammen mit Dürschinger Architekten, Altenwohnheim mit 54 Wohnplätzen
Standort:
Scheffau, Österreich
Zeitraum:
2014-
Realisierung:
seit 2015
Fertigstellung:
voraussichtlich 2017

„Hier in diesem Garten der Greise blühen manche Blumen, an deren Pflege wir früher kaum gedacht haben. Da blüht die Blume der Geduld, ein edles Kraut, wir werden gelassener, nachsichtiger, und je geringer unser Verlangen nach Eingriff und Tat wird, desto grösser wird unsere Fähigkeit, dem Leben der Natur und dem Leben der Mitmenschen zuzuschauen und zuzuhören, es ohne Kritik und mit immer neuem Erstaunen über seine Mannigfaltigkeit an uns vorbeiziehen zu lassen, manchmal mit Teilnahme und stillem Bedauern, manchmal mit Lachen und heller Freude.“ ( Hermann Hesse, Über das Alter)

Der Neubau besteht aus zwei kompakten Volumen, die an zentraler Stelle ineinandergreifen und einen Lichthof bilden. Der Haupteingang mit Vorfahrt liegt direkt an der Erschließungsstraße. Durch die Positionierung des Baukörpers auf dem Grundstück entstehen drei separate Freibereiche: der Dorfgarten, der Spielplatz und der Plateau-Garten.

Der Neubau ist über einen Verbindungsgang an das Bestandsgebäude angebunden. Die Anlieferung und Entsorgung erfolgt getrennt von den übrigen Heimabläufen über den östlichen Wirtschaftshof. Die Besucherparkplätze sind südlich entlang der Straße situiert. Das Parken für die Mitarbeiter befindet sich konzentriert im Nordwesthof der Anlage. Notdienstfahrzeuge können direkt neben dem Haupteingang parken.

Die differenzierte Ausbildung des Gebäudes soll die Begegnung und Kommunikation zwischen den Bewohnern des Altenheims und dem restlichen Quartier fördern. Sie bietet auf der anderen Seite aber auch eine Lebenswelt mit Rückzugsmöglichkeiten und angenehm entspannter Atmosphäre. Integration, Gemeinschaft und individuelle Lebensgestaltung müssen sich gegenseitig nicht ausschließen.

 

Architektur

Der Baukörper ist geprägt durch sein einfaches und klares Erscheinungsbild. Die öffentlichen Bereiche sind im Erdgeschoss situiert. Den Auftakt bildet der  Eingangsbereich mit Multifunktionssaal und Cafeteria. Das Café erhält einen bestuhlten Außenbereich mit Spielplatz. Im Zentrum der Anlage befindet sich die Bibliothek und die Kapelle. Beide werden über den Lichthof, das Grüne Patio, belichtet. Im Ostflügel befinden sich die Service- und Funktionsbereiche, die Küche und Entsorgungszentrale.

Der kompakte Grundriss der Wohngeschosse ermöglicht kürzeste Wege für Personal und Bewohner. Die 54 Wohnplätze gliedern sich auf zwei Obergeschosse in 4 Gruppen. 2 Gruppen teilen sich jeweils ein Geschoss mit Pflegestützpunkt. Dienende Räume liegen zentral um den Pflegestützpunkt.

Alle Pflegezimmer erhalten Ost- oder West-Belichtung. Vorgelagerte Kommunikationszonen in Form von Sitznischen mit Hausbänken verbinden die Pflegezimmer miteinander, regen an zu gemeinschaftlichem Handeln und zur Findung des eigenen, individuellen Alltags. Die Bäder erhalten jeweils Oberlichter zum Zimmer.

Die Ausstattung der Zimmer sollte wahlweise auch mit persönlichen Möbeln und Gegenständen der Bewohner erfolgen, um ein Stück gewohntes Lebensumfeld in das neue Zuhause zu integrieren.

Das Tageslichtspektrum wird in den Gemeinschaftsbereichen erlebbar. Vorgelagerte Terrassen und Balkone orientieren sich zu allen Richtungen hinaus, ermöglichen interessante, abwechslungsreiche Ausblicke und stellen den Bezug zum Landschaftsraum her. Die Essbereiche dienen als Treffpunkte (Cantous = frz. Feuerstelle im Haus). Hier erlebt der Bewohner familiäre Atmosphäre, wird in seinen Eigenheiten respektiert und als derjenige versorgt, der er „hier und jetzt“ sein kann. Die gemeinschaftlichen Erlebnisräume sind Orientierungsinseln und zugleich Orte größtmöglicher Übersicht. Alle Essbereiche sind vom Stützpunkt aus einsehbar. Auf eine zentrale Rundlaufmöglichkeit speziell für demente Bewohner wurde Wert gelegt. Um das Grüne Patio herum bietet der Rundlauf verschiedene Aktivzonen und Ruhezonen.

 

Freianlagen

Intensive Erlebnismöglichkeiten konzentrieren sich in den drei Freibereichen, die um den Neubau herum angelegt werden: Dorfgarten, Plateau-Garten und Spielplatz. In den Gärten wird auf die unterschiedlichen Pflegestadien der Senioren eingegangen. Sie sind komplett barrierefrei erschlossen. Hier findet man ein breites Angebot unterschiedlicher Naturerfahrungen mit Blüten, Duft und Wassergeräuschen. Verschiedene Pflanzbeete schaffen sinnliche Reize auf Greif- oder Augenhöhe. Die Wege werden als Rundlauf angelegt. Zurückgesetzte Erdgeschosszonen an den Gebäuden dienen als Witterungsschutz. Der Dorfgarten wird zum Treffpunkt zwischen Altenheim, betreutem Wohnen und Quartier. Hier stehen auch Flächen für Gymnastik und Gemeinschaftsspiele wie Boule und Schach zur Verfügung. Auch ein Grillplatz ist hier vorgesehen. Kaninchen und Meerschweinchen können gefüttert und gestreichelt werden. Der Plateau-Garten ist niveauversetzt direkt an die Wohnbereiche angeschlossen, aber auch vom Oberfeld aus erreichbar. Er ist eher als Rückzugsort für die Heimbewohner gedacht. Das direkt angeschlossene Pflegegeschoss ist vor allem für demente Bewohner geeignet. Der Spielplatz ist von den Gärten separiert, jedoch von den Gemeinschaftsbereichen und der Cafeteria direkt einsehbar. Jung und Alt können hier einander begegnen.

 

Konstruktion + Material + Energie

Die Konstruktion des Gebäudes besteht aus tragenden Wandscheiben und Stahlbetonstützen. Punktgelagerte Stahlbetondecken liegen auf diesen Elementen auf. Die Außenwände der Pflegegeschosse werden in Mauerwerk ausgeführt, welches hochwärmegedämmt und weiß verputzt wird. Mit hölzernen Plattenmaterialien werden die Fensterbereiche akzentuiert. Die Gemeinschaftsbereiche des Sockelgeschosses erhalten raumhohe Glaselemente, Servicebereiche präsentieren sich in wärmeren Tönen.

Der warme Werkstoff Holz wird zum Wegbegleiter im Inneren, er wird an Boden, Wand und Decke eingesetzt. In den Bewohnerzimmern erhalten die Böden einen Linoleumbelag. Farblich aufeinander abgestimmte Oberflächen dienen im gesamten Gebäude der Orientierung der Bewohner. Hölzerne Falt- oder Schiebeläden sorgen für den notwendigen Sonnenschutz und stellen ein Bezugselement zur gewohnten örtlichen Handwerkstradition dar.

Die vorgesehenen Wandaufbauten und Fensterelemente garantieren die Heizwärmebedarfskennzahl eines Niedrigenergiehauses. Eine wärmebrückenfreie Konstruktion und die Sicherstellung der Luftdichtigkeit vermeiden Energieverluste. Pflege- und Gemeinschaftsbereiche werden mit kontrollierter Be- und Entlüftung betrieben, ergänzt durch Wärmerückgewinnung der Abluft. Die Wärmeversorgung wird durch Solarkollektoren auf den Dachflächen unterstützt.